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Es ist schwierig, ein Kind in Diyarbakir zu sein PDF Drucken
ImageIn diesem Beitrag über die Kinder in Diyarbakır und deren Probleme in der Gesellschaft möchte ich nicht auf allzu trockene, auf Theorie und Zahlen basierte Äußerungen eingehen, sondern versuchen, die Welt dieser „Erwachsenen”-Kinder innerhalb ihrer gewaltorientierten Umgebung zu erklären. Wichtig hierbei ist natürlich die Art und Weise, wie die Kinder mit der permanenten Gewalt umgehen. Die Kinder in Diyarbakır haben viele Gesichter: Ein Paar von ihnen treffen wir ständig an kalten Strassenecken,

während sie versuchen, jemandem ein Taschentuch zu verkaufen, damit sie Geld für die Schule haben. Einige von ihnen treffen wir auf dem Obst- und Gemüsemarkt; sie verdienen ihr tägliches Brot, in dem sie fremden Menschen ihren Einkauf nach Hause liefern. Einige kommen mehrmals in der Woche zu den Lernhilfe-Zentren Egitim Destek Evi der verschiedenen Bürgerämter in Diyarbakır. Hier erhalten sie Unterstützung in verschiedenen Unterrichtsfächern, für ihre Hausaufgaben oder aber nehmen an verschiedenen Aktivitäten teil.

Diese Aktivitäten sind Theater, Gesangsunterricht, Folklore, freie Spielzeiten auf dem Gelände der Egitim Destek Evi und Ausflüge in die Stadt usw. Auch im Stadtviertel Baglar gibt es Egitim Destek Evi. Seit etwa drei Jahren führt das Bürgeramt in Baðlar dieses Zentrum für Kinder, die aus armen Verhältnissen kommen. Sehr viele Familien in Baglar sind innerhalb der letzten 10 Jahre aufgrund der politischen Konfrontationen in kurdischen Gebieten der Türkei zwangsweise aus ihren Dörfern evakuiert. Diese Realität bringt selbstverständlich Konsequenzen mit sich, wovon am meisten die Kinder betroffen sind. Enge Wohnmöglichkeiten (manchmal bis zur 2-3 Familien in einer kleinen Wohnung), Arbeitslosigkeit der Eltern (meistens der Väter) und der kulturell gesellschaftlich schwierige Anpassungsprozess an die Großstadt. Wie die Kinder in Diyarbakır mit dieser geschilderten Situation umgehen, ist vielfältig, insbesondere aber sehr widersprüchlich. Einerseits sind es Kinder, die einen Anspruch darauf haben, ihre Kindheit so auszuleben, wie viele andere Kinder auch. Sie freuen sich beispielsweise, wenn sie auf dem Hof von Eðitim Destek Evi Fußball spielen können. Andererseits müssen diese Kinder aber mit anpacken, bis ans Herz des Lebens. Sie sind erwachsen, verstehen viel von der Politik, haben meistens ein sehr ernstes Gesicht.

Die Hauptaufgabe der Lehrer und Pädagogen der Lernhilfe-Zentren ist es vor allem, ein Zuhause für die Kinder zu schaffen. Die Kinder wissen, dass sie an diesem Ort wilkommen sind und die verantwortlichen Personen wissen, dass diese Kinder sozusagen von ihren „Gefängnissen” wegkommen. Der Vergleich, die Wohnungen, in denen die Kinder mit ihren Eltern leben, als „Gefängnis” zu bezeichnen, hat Gründe, die auf die geringen Möglichkeiten zu Hause oder ebenso auf fehlende soziale Einrichtungen zurückzuführen sind. Man muss auch bedenken, dass es in Diyarbakır kaum einen Park oder ähnliches gibt, wo die Kinder ihre Freizeit verbringen können.

Dies ist ein riesiges Problem der nicht vorhandenen Infrastrukturen der Stadt. Die Kinder bleiben zu Hause, und als Mädchen musst du viel für den Haushalt tun, sagte ein Mädchen von Eðitim Destek Evi in Baðlar während eines interessanten Gespräches mit einem weiteren Mädchen und einem Jungen über das Thema Geschlechterrolle in der Familie. Oder aber sie gehen ziellos auf die Strasse, wobei sie in vieler Hinsicht gefährdet sind. In den letzten Jahren sind beispielsweise in Diyarbakır die Quote von Taschendiebstahl und der Konsum von Drogen in grossem Masse gestiegen. Vor allem Kinder sind in erster Linie mit dem Drogenkonsum konfrontiert. Wovon diese Kinder ebenso stark betroffen sind, ist die herrschende Gewalt. Gewalt am hellichsten Tag, Gewalt in der Schule, Gewalt in der Familie. Sehr oft kommt es vor, dass der Vater in der Familie Gewalt ausübt.

Er hat kaum Möglichkeiten, seine Familie zu ernähren und leidet unter ständigen Depressionen, die die Gewalt gegen die eigenen Kinder zustande kommen lassen. In der Schule ist das Kind ebenso ein Gewaltobjekt, insbesondere wenn es um frustrierte ältere Mitschüler geht, die weder eine Perspektive für die Zukunft noch einen Ausweg zu finden scheinen. Eine sehr irritierende Realität hierbei ist, dass diese Gewalt allmählich eine als„normal” anzusehende Situation geworden ist, als ob sie zum alltäglichen Leben gehören würde. Daher sehen wir Fotos von diesen Kindern, während sie auf einer Demo mit Steinen werfen. Daher ist die Trennlinie zwischen Spielen und mit Steinen werfen, also der Anwendung von Gewalt kaum spürbar. Weil sie in der Mitte des Lebens platziert ist, ob gewollt oder ungewollt. Und genau dieser Aspekt führt die Gesellschaft zu einer tiefen Krise, die unbedingt überwunden werden muss.

Trotz vielerlei Mängel in der Stadt, wir Verantwortlichen Personen freuen uns, auf jede Begegnung mit einem neuen Kind, welches seinem Drang sich zu entwickeln nachgeht. Wir glauben an unsere Arbeit, wenn Esat, ein geborener Erzähler, uns Geschichten auf Kurdisch erzählt, wenn Azad, ein geborener Ehrgeiz, einer der besten Schüler der Türkei werden will. Wir trauern mit, wenn Gülcan, deren Vater kaum seine Vaterrolle erfüllen kann, uns von ihrem Leid erzählt. Wir sind mit der Realität konfrontiert, dass M. Ali (Bruder eines der erschossenen sieben Kinder in Diyarbakır, März-April 2006) zu uns ins Egitim Destek Evi kommt.

Meiner Meinung nach sollten wir uns in Diyarbakır mit dem Wort „Behüten“ noch intensiver beschäftigen. Denn nur ein bewusstes Behüten und Unterstützen dieser Kinder bedeutet eine demokratisch aufzubauende und vor allem eine gewaltfreie Zukunft.


Serra Bucak, Diyarbakır

 
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