 HALF MOON – ein neuer Film von Bahman Ghobadi Bahman Ghobadi, kurdischer Regisseur aus dem Iran, sagte einmal während eines Interviews: „Man geht nicht ins Kino, um noch mehr Leid zu sehen, sondern um leichte Kost vorgesetzt zu bekommen. Das ist schade, denn die Leute verschließen ihre Augen vor der Wahrheit.“ Diese Worte können als Kritik, Feststellung oder auch persönliche Unzufriedenheit mit einem vorherrschenden Ist-Zustand, einem Trend verstanden werden.
Klar ist aber, dass Ghobadi mit diesen Sätzen zugleich auch sein eigenes Cinema-Verständnis ausdrückt. Dass er Kino nicht nur als Entertainment versteht, sondern vor allem auch als Möglichkeit, die Realität mitsamt ihrer Unbarmherzigkeit einem breiten Publikum näherzubringen und auf diese Weise bestimmte Themen zu problematisieren. Nach der Vorstellung von Ghobadis drittem Film „Schildkröten können fliegen“ in einem winzigen Kino mit 100 Plätzen drückte eine nicht-kurdische Frau mit den Worten „Der Film ist aber zu hart“ ihre Enttäuschung aus. Sie gehörte eben zu den von Ghobadi beschriebenen Leuten, die ins Kino gehen, um von der Realität abgelenkt zu werden und leichte Kost erwarten. Dabei war nicht der Film zu hart. Die Realität selbst ist hart. Und während wir uns auf den Weg ins Kino machten, um die Preview von „Half Moon“, oder dem Originaltitel nach „Niwemang“, anzusehen, hatten wir uns innerlich auf schwere Kost, einen schwer zu schluckenden Brocken vorbereitet. Doch hat Ghobadi in seinem vierten Film Tragik und Komik sehr behutsam vermischt. Dem Regisseur selbst nach handelt es sich bei dieser Mischung aus Lustigem und Traurigem um das Wesen des kurdischen Lebens. Ein Volk, dessen Kinder ihr gesamtes Leben über geprägt sind von großem Schmerz und Leid, aber in ihrem Humor und ihrer Musik Zuflucht suchen. An vielen Stellen verflechten sich die Elemente von Tragik und Komik und der/die Zuschauer/in fragt sich, ob er/sie denn nun lachen oder weinen soll. So wie in der Szene, in der der naive Fahrer Kako, der plant, die von ihm gemachten Videoaufnahmen der Tour an Fernsehsender zu verkaufen, realisiert, dass er die ganze Zeit mit einer Kamera ohne Kassette filmte, und seinen Kopf vor Ärger über sich selbst gegen die Tür schlägt. Doch driften Tragik und Komik natürlich auch an vielen Stellen auseinander. Man denkt an die Szene im orangefarbenen, ehemaligen Schulbus mit seinen hölzernen Sitzplätzen, der auch noch „Kurdistan Eagle“ heißt und in dem Mamo und sein Orchester, das aus seinen vielen Söhnen besteht, vom kurdischen Iran in den kurdischen Irak reisen wollen. Mamo sieht seinen ältesten Sohn an, der trotz Hornbrille kaum sehen zu können scheint und dem sein Vater ans Ohr schoss, als er versuchte abzuhauen. Mamo findet, dass dieser mit seinem Verband einem berühmten holländischen Künstler ähnelt, und kommt aber nicht auf den Namen. Daraufhin zählt diese Gruppe, der man nicht zutraut, jemals ein Buch gelesen zu haben, alle möglichen Künstlernamen auf; angefangen bei Rembrandt bis Van Gogh. Und auch Kako zitiert mit der gleichen Natürlichkeit vor Beginn eines Hahnenkampfs vor versammelter männlicher Dorfgemeinschaft erst einmal den dänischen Philosophen Kierkegaard. Während solche und ähnliche Szenen für die Komik sorgen und die Zuschauer/innen zum Lachen bringen, sind Tragik, Leid und Schmerz aber auch immer allgegenwärtig. Mal verschwinden sie, um im nächsten Moment erneut zurück¬zukommen. Ist es doch das Leben selbst, das tragisch ist. Allein schon die Tatsache, dass Mamo, dessen Schicksal schon längst beschlossene Sache ist, sich seiner Vorsehung nicht beugt und Glauben sowie Hoffnung auf eine Art und Weise schützt, als wenn er gegen sein Schicksal ankämpfen würde, jedoch stets mit neuen Hindernissen und Schmerz konfrontiert wird, ist eine Tragödie für sich. Wie schon bei „Schildkröten können fliegen“ handelt es sich auch bei „Half Moon“ um einen tragikomischen Film mit surrealistischen Elementen, in dem die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit teilweise verschwimmen. Durch Mamo lässt uns Ghobadi wissen, dass es manche Dinge im Leben gibt, die von der Wissenschaft nicht zu erklären sind. Manchmal ist das einfach nur eine Stimme, eine Melodie, die nur vom Herzen gehört werden kann. In diesem Sinne kann „Half Moon“ auch als Hommage an die traditionelle kurdische Musik gesehen werden. Mamo, der Hauptcha¬rakter der Geschichte, macht sich nämlich mit seinen Söhnen, die sich so unähnlich sind, wie man es nur sein kann, auf den Weg nach Irakisch-Kurdistan, um in dem Land, in dem kurdische Musik jahrzehntelang verboten gewesen ist, ein Konzert mit dem Titel „Schrei der Freiheit“ zu geben. Zugleich werden mit dem Film auch jene Frauen geehrt, die in ihrem eigenen Land nicht singen dürfen. Hesho, die Frau, die Mamo als Sängerin mit in den Irak nehmen will, lebt mit 1 333 weiteren Frauen in einem Dorf. Diese stehen stellvertretend für die Sängerinnen im Iran, die noch heute nicht in Gegenwart von Männern singen dürfen. Der Film, der in der Zeit nach dem Sturz des Baath-Regimes spielt, lässt die US-Intervention nicht unkommentiert. Zwar wird der Punkt, dass nun Ende mit den Verboten und der Unterdrückung der Kurd/innen im Land ist, positiv bewertet. Andererseits wird die Intervention selbst in einer Szene, in der amerikanische Soldaten wahllos auf alles, was sich bewegt, schießen, indirekt kritisiert. Kommen wir zum Titel des Films, der u. a. auf dem Internationalen Filmfestival von Lissabon mit dem Amnesty International Award und dem Internationalen Filmfestival von San Sebastian mit der Goldenen Muschel ausgezeichnet worden ist. Es ist ein Titel, der Fragezeichen in den Köpfen der Zuschauer/innen hinterlässt. „Niwemang“ ist der Name einer Frau, der Mamo in seinem hoffnungslosesten Moment begegnet. Jedoch reflektiert der Titel zugleich auch die Sichtweise des Films auf Kurdistan. In Zeiten des Halbmonds ist eine Hälfte des Monds sichtbar, die andere bleibt verborgen in der Dunkelheit. Genauso ist auch Kurdistan. Und vielleicht liegt die Kunst gerade darin, die verborgene, sich in der Dunkelheit befindliche Seite aufzudecken. Denn Kurdistan ist ein Land, geteilt in vier Teile und verwundet durch Grenzen. Jedes Mal, wenn Mamo versucht, diese Narben zu überqueren, realisiert er, dass das Visum, das er in der Innentasche seiner Jacke trägt, auf dieser Erde überhaupt nichts nützt. Das Grenzgebiet, das sein Land teilt und in das er reisen möchte, um den „Schrei der Freiheit“ ertönen zu lassen, wird von amerikanischen Soldaten bombardiert. Paradoxerweise versucht er daraufhin über Aserbaijan nach Südkurdistan zu reisen. Doch diesmal wartet das türkische Militär an der Grenze. Auch wenn die Soldaten niemals zu sehen sind, spiegeln die Szenen an den Grenzposten dieses Paradox wider. In diesem Sinn handelt es sich bei „Half Moon“ um ein auch künstlerisch sehr wertvolles Werk, das die Halbmondhaftigkeit Kurdistans meisterhaft auf die Leinwand trägt und zusammen mit den wunderschönen Aufnahmen des neuseeländischen Kameramanns Nigel Bluck sowie der Filmmusik von Hossein Alizadeh dem kurdischen Kino, welches sich noch in seiner Entstehungsphase befindet, einen enormen Beitrag leistet. HALF MOON – ein Film von Bahman Ghobadi Der gefeierte kurdische Starmusiker Mamo (Ismail Ghaffari) hat über 30 Jahre im iranischen Exil verbracht. Trotz Krankheit plant er, zusammen mit seinen zehn Söhnen zu einem großen Konzert in den Irak zu fahren. Dieser symbolische „Schrei der Freiheit“ findet anlässlich des Sturzes von Saddam Hussein statt. Die Unterdrück¬ung kurdischer Musik im Irak hat endlich ein Ende. Seinem treuen Freund Kako (Allah-Morad Rashtiani) gelingt es, einen alten Schulbus aufzutreiben. Gemeinsam sammeln sie die verstreut im Iran lebenden Söhne ein, damit sie Mamo mit dem Orchester begleiten können. Der letzte Sohn überbringt Mamo die Warnung einer Weissagerin: Er solle nicht auf die Reise gehen, da bei Anbruch des nächsten Vollmondes etwas Schreckliches geschehen werde. Dennoch beharrt Mamo auf der Reise. Er habe ein Anrecht darauf, da er so viele Jahre nicht auftreten konnte. Obwohl er von dunklen Visionen heimgesucht wird, hält er unerbittlich an seinem Plan fest. Mamo überzeugt die ehemals gefeierte Sängerin „die himmlische Stimme“ Hesho (Hedye Tehrani) mitzukommen, die mit 1 334 Frauen im „Dorf der verbannten Sängerinnen“ lebt, einer Metapher auf ein Gesetz im Iran, das es keiner Frau erlaubt, öffentlich als einzelne Sängerin aufzutreten. Zunächst entgeht Hesho bei einer Grenzkontrolle wegen fehlender Transitpapiere knapp der Verhaftung, aber bei ihren ersten Proben muss Mamo feststellen, dass sowohl ihre Stimme als auch ihr Selbstvertrauen an der jahrelangen Unterdrückung fast zerbrochen sind. Bei einer zweiten Grenzkontrolle werden die Instrumente der Söhne zerstört, Hesho wird festgenommen und die Reise scheint beendet zu sein. Die Gruppe löst sich auf, die Söhne verlieren sich in der endlosen Weite der kurdischen Landschaft. Doch Mamo will nicht aufgeben. Von Krankheit gezeichnet und am Ende seiner Kräfte häufen sich mit zunehmendem Mond Mamos Todesvisionen. Die Lage scheint aussichtslos ... Im Iran wurde HALF MOON kurz nach der Uraufführung aufgrund seiner politischen Brisanz verboten. Iran/Österreich/Frankreich 2006 – 35 mm – Farbe – Cinemascope – Dolby Digital – 107 Minuten – kurdische Originalfassung mit dt. Untertiteln http://www.pandorafilm.com/verleih/ Bahman Ghobadi, kurdisch-iranischer Abstammung, ist nach nur vier Spielfilmen einer der vielversprechendsten und interessantesten Regisseure. Ihm gelang es trotz aller Widrigkeiten und unter schwierigsten Umständen, seine Arbeiten umzusetzen, in deren Mittelpunkt das kurdische Leben steht. Seine Filme sind teilweise erschreckend real, aber oft auch voller Humor und Hoffnung. Ghobadi wurde 1969 in Baneh im Iran geboren und studierte Film in Teheran. Er fing als gewerblicher Fotograf an zu arbeiten und drehte parallel seine ersten Kurzfilme, mit denen er etliche Preise gewinnen konnte. 1999 drehte Ghobadi seinen ersten Spielfilm, „Zeit der trunkenen Pferde“, der gleich eine Vielzahl von Auszeichnungen, u. a. den FIPRESCI Preis in Cannes, erhielt, 2002 folgte „Songs Of My Motherland (aka Marooned In Iraq)“. 2004 gewann sein Film „Schildkröten können fliegen“ auf dem internationalen Filmfestival von San Sebastian die Goldene Muschel, mit der dann 2006 auch „Half Moon“ ausgezeichnet wurde. Quelle: Kurdistan Report
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